Text Christine Wawra
Totempfahl

Wo die Adler singen

Kunst an Amerikas Nordwestküste - Traditionen der Indianervölker

Reutlinger General-Anzeiger vom 7. März 2001

Wenige hundert Meter weiter beginnt die Wildnis aus Urwäldern und vergletscherten Bergketten. Bärenland, Adlerland. Einer der nördlichsten Regenwälder der Erde, der Tongass National Forest, grenzt an die Hauptstadt Juneau. Wir befinden uns im Südosten Alaskas, im Land der blauen Wolken. „Blue clouds“ nennen es die Einheimischen, wenn mal ein Stück blauer Himmel zu sehen ist.
Die Folgen der ausgiebigen Niederschläge, die in Ketchikan – der südlichsten Gemeinde nahe der kanadischenGrenze – fallen, wird jeder Besucher mit eigenen Augen sehen. Das milde und feuchte Klima lässt seit Jahrtausenden trotz der Unwegsamkeit des Landes üppiges Leben gedeihen.
Die Indianervölker der Tlingit, Haida und Tshimshian leben entlang der amerikanischen Nordwestküste vom US-Bundesstaat Washington über das kanadische British Columbia bis nach Alaska. Noch heute sind die Wasserstraßen, darunter die Inside Passage zwischen Bellingham bei Seattle im Süden und Skagway im Norden, die einzigen Verkehrswege, vom Fliegen einmal abgesehen. Die Ureinwohner ernährten sich gleichermaßen vom Meer zwischen Ebbe und Flut und aus dem Regenwald; sie blieben Jäger und Sammler.
Baumhohe Totempfähle erzählen vielerorts ihre Geschichte. Es ist die Geschichte von Menschen, die einst mit den Tieren lebten. Die Tiere lebten auch für sie und gaben ihnen ihr Leben für Nahrung, Kleidung, Werkzeuge und Kunst. Die Indianer dankten für diese reiche Ernte und für ihr eigenes Leben ausgiebig in Ritualen und Zeremonien. Damit hielten sie ihre Welt im Gleichgewicht.
Der – durch Kahlschlagpolitik bedrohte – Regenwald bietet die Grundlage für die überlebensgroßen Pfähle, die zum Inbegriff der Kunst der Nordwestküsten-Indianer geworden sind. Sie allein haben keine kultische Bedeutung; es sind Wappenpfähle und Statussymbole. Die Wappentiere stehen für die so genannten Clans der Stifter oder der Bildhauer; darüber hinaus stellen sie die Legenden des Volkes dar. So beispielsweise diejenige vom Raben, der die Menschen erschaffen hat, zunächst als Spielgefährten für sich. Der kluge Schöpfervogel Rabe brachte auch das Licht auf die Erde. Verwandtschaftliche Beziehungen werden noch heute über die Clans geregelt. Neben Rabe gibt es unter anderem folgende Wappentiere: Adler, Bär, Wolf, Lachs, Wal – Tiere, die den Alltag der Urbevölkerung prägten.
Mit dem Gesang von Weißkopfseeadlern geweckt zu werden am frühen Morgen, ist eine der schönsten Erfahrungen der Wildnis. Hinter den sanften Stimmen vermutet man zunächst kleinere Singvögel. So vereinen diese majestätischen Vögel auf harmonische Weise Kraft und Sanftheit in sich. Und Humor scheinen sie zu haben: auf dem Boden bewegen sie sich in beinahe tapsigem Gang vorwärts mit der ganzen Würde großer Clowns.
Am historischen Ort des ehemaligen Tlingit-Dorfes in Juneau steht das Native Culture Center, indianisches Kulturzentrum und Kunstschule. Seit zwei Jahren führt es der Tlingit-Bildhauer Aurthur R. Johnson, der wie viele seiner Kollegen aus dem genauen Studium der Arbeiten seiner Vorfahren gelernt hat. Mit der traditionellen Religion – die Ureinwohner wurden im 19. Jahrhundert von russischen Missionaren im Gefolge der Pelzjäger zum Christentum bekehrt – war auch über mehrere Generationen die künstlerische Praxis fast verloren gegangen. Der Tourismus stimuliert diese Wiederentdeckung der eigenen kulturellen Wurzeln.
Im nördlichen Haines besuche ich das Atelier von Tresham Gregg, der in seinen Bildern, Skulpturen und seinem Schmuck die indianischen Totemtiere aufleben lässt. Seine Linienschwünge bringen die traditionellen, eher statisch-wappenhaften Vorbilder in Fluss.
Seine Arbeiten künden von der Beseeltheit der Welt und der Verwandlung des Bewusstseins wie sie beispielsweise die Schamanen erzeugen konnten. In Maskentanz und Trance kommunizierten sie mit der geistigen Ebene der Welt, die jenseits der materiellen Erscheinung liegt. Das Schaffen von Tresham Gregg ist eine zeitgenössische Version der Kunst von Südost-Alaska.
Im kanadischen Vancouver wird auf dem Gelände des Museum of Anthropology ein neuer Totempfahl errichtet. Mit Muskelkraft von mehr als 500 Angehörigen des Adler- und des Raben-Clans, die über Seilwinden übertragen wird, steht er binnen weniger Stunden. Vor zweihundert Jahren mag ein solches Ereignis nicht eindrucksvoller gewesen sein.

© Christine Wawra 2004-2011     Aktualisiert am 27.10.2011