Text Christine Wawra

Das Blümchenprinzip

Ausstellungskatalog Suzan Wallner, Tübingen 1997

Auf Rosen gebettet sein. Rosarot sehen. Blümchenmuster auf Tapeten und Wänden. Metaphern von Vertrautheit, Heimat, Geborgenheit. In bürgerlichen Lebenswelten gehen sie auf, werden zu Realitäten, die den Alltag zeichenhaft überformen und dadurch wieder erkennbar machen. Generationen identifizierten und identifizieren sich mit dieser Gleichung.
Suzan Wallner arbeitet mit dem Bedürfnis nach Behaglichkeit, nach Behaustheit. In ihren Objekten und Rauminstallationen mag man sich zunächst wohl fühlen; sie sprechen im Betrachter Bekanntes an, wie Wünsche und ein Harmoniebedürfnis. Ein Sessel aus Blumenplüsch prunkt einladend. Ein Rosenthron. Doch das Flauschige entzieht sich, denn zum Sitzen ist der Sessel nicht gemacht. Als Kunstobjekt empfängt und umfängt er nur die Vorstellungen und Projektionen des Betrachters. Wie müsste es sich anfühlen, endlich einmal auf Rosen gebettet zu sein. Rosen, die am besten keine Dornen haben. Die Hoffnung auf ein besseres Leben - Heilserwartung im Alltag - scheint kurz vor der Einlösung.
Einen Widerpart zu den rosaroten Visionen bilden die schwarzen Kohlestühle. Fragil und leicht windschief, spielen sie zwar mit ihrer Funktion, ein Sitzmöbel zu sein. Und die Kohle aktiviert Assoziationen von Wärme und der Häuslichkeit eines Kohleofens. Doch sind sie als Gebilde fragil, vermögen nicht zu tragen. Geborgenheit wird ihres ephemeren Charakters entlarvt. Dauerhaftigkeit anzunehmen, wäre Illusion. Auch sind da die Bilder vom Kohlenkeller, kindliche Ängste vorm Schwarzen Mann, die Leichen in den Kellern der Kindheit. In den gepflegten, geglätteten Wohnwelten der Eltern hatten sie keinen Platz. Abgründe tun sich auf.
Verkleidung tat not. Schlaf- und Wohnzimmer wurden mit Blümchentapeten ausgekleidet. Suzan Wallner kleidet die Wände aus mit Blümchenbildern, deren Quadrate ein Schachbrett reproduzierbarer Muster ergeben. Süßlichkeit und Gefälligkeit wird zum beliebigen, dekorativen Abziehbild. Erinnerung an Küchen und Bäder, deren Kacheln mit Pril-Blumen gepflastert waren. Doch wie bei den anderen Objekten, geht auch hier die Utopie nicht auf, sind die Blumen nicht stereotyp-perfekt, sondern unregelmäßig, manchmal flüchtig aufgetragen, dann fast hingerotzt. Oder es geben schwarze Flächen blümchenförmig den Durchblick auf geblümte Stoffe frei, die so wie durch ihre Kehrseite hindurch betrachtet wirken. Das Blümchenprinzip ergreift auch Waschmaschinen, Zimmerpalmen, Tassen und eine Teekanne. Ließe Suzan Wallner es gewähren, würde es sich leicht über sämtliche Gegenstände des täglichen Lebens ausbreiten…
Blümchen als Ausschmückungselement weisen stärkste emotionale Konnotationen auf. Abkömmlinge der Blauen Blume romantischer Sehnsucht, implizieren sie Konstrukte, die an eine utopische Weltsicht geknüpft sind. Bürgerliche Lebensentwürfe sind auf Zukunft hin konstruiert. Sie nähren sich nicht aus dem Hier und Jetzt, sondern existieren in Bezug auf bestimmte Postulate hin. Glück wird an Voraussetzungen und Bedingungen geknüpft und erscheint folglich an Ort und Stelle unmöglich. Es regieren Mangel und konditionale Erlebnisstrukturen eines "wenn - dann", die jedoch weniger dem Erleben als seiner Vermeidung dienen. Blümchen sind harmlos und nett und haben sich in ihrer Geschichte schon vieles gefallen lassen.
Die Rosenbilder sind nach fotografischen Vorlagen entstanden. Diese Fotos wiederum bilden die Rosen aus Plastik ab, mit denen der Sessel gepolstert ist, nicht also echte Rosen. Bei diesem Vorgang greifen verschiedene Realitäten und Schein-Realitäten ineinander über. Die Illusion wird Teil der Konstruktion, des Geflechtes aus gebrochenen Wirklichkeiten.
Das Urbild zu suchen, macht wohl keinen Sinn. Das Bild, wie es uns gegenüber hängt mit seiner Präsenz und Wirklichkeit, ist uns im Moment der Betrachtung am nächsten. Die Auseinandersetzung geht von hier aus.
Suzan Wallner dekonstruiert die Bezugspunkte einer Lebensform. Mit bösem Witz und verspielter Schärfe entlarvt sie Konditionierungen, eindimensionale Wege des Denkens und Fühlens. Die Serialität ihrer Arbeit ist wie ein Herunterbeten. Das Gleiche in Grün. Das Gleiche in Braun. In Rosa, in Hellblau, in Türkis. Sie nimmt uns unsere Rosenträume, zieht sie über uns weg wie eine Bettdecke, eine geblümte, natürlich. Derart auf sich selbst zurückgeworfen, mögen Betrachter und Betrachterin ihre Verwirrung aushalten. Was bleibt, ist die eigene Befindlichkeit, das Empfinden und - vielleicht eines Tages, ein konstruktives, illusionsloses Handeln.

© Christine Wawra 2004-2011     Aktualisiert am 27.10.2011