Indianer und Prinz
Die Ausstellung "Im Fluss der Zeit" im Linden-Museum
Stuttgarter Zeitung vom 6. Dezember 2000
Am Anfang steht eine Begegnung: Ein Prinz, Maximilian von
Wied, bereist in den 1830-er Jahren als freier Naturforscher
Nordamerika. Im heutigen North Dakota trifft er Mató
Tópe, Kriegeroberhaupt der Mandan. Aus dem gegenseitigen
Respekt der beiden Männer entsteht Freundschaft, und
der Indianer schenkt dem Deutschen, um ihn zu ehren, wertvolle
Gegenstände, darunter seinen bemalten Umhang aus Bisonfell,
seinen Kopfschmuck aus Adlerfedern und seine Bärenkrallenkette.
Diese Objekte aus der fürstlichen Sammlung Wied sind
heute Prunkstücke des Stuttgarter Linden-Museums. Als
die Kuratorin Sonja Schierle von lebenden Nachfahren der indianischen
Freunde des Prinzen erfuhr, hat sie sich auf den Weg gemacht.
In Zusammenarbeit mit ihnen entstand die Ausstellung "Im
Fluss der Zeit. Mandan, Hidatsa, Arikara: Indianer am oberen
Missouri". Die Ausstellung atmet einen Geist friedvoller
Achtung vor dem anderen und gegenseitigen Lernens und könnte
so ein Meilenstein sein für den Umgang von Museen mit
ihren ethnologischen Sammlungen.
Über sieben Generationen wird die Geschichte aus der
Gegenwart rückwärts bis zur Begegnung von Maximilian
Prinz zu Wied und Mató Tópe (Vier Bären)
aufgerollt. Anschließend geleitete die Ausstellungsarchitektur
den Besucher zurück ins Heute. Dort lädt ein nachempfundenes
Wohnzimmer mit Sofas, auf denen man sitzen darf, zum Verweilen
ein. Eingebettet ist der "Fluss der Zeit" in den
Lauf der Jahreszeiten. Sie umfangen sowohl die zeitgenössische
Abteilung, die das Leben in der Fort-Berthold-Reservation
darstellt, als auch die blühende autonome Stammeskultur
des frühen neunzehnten Jahrhunderts. Damit wird der indianischen
Wertvorstellung von der Einheit alles Lebendigen Rechnung
getragen.
"We don't own the land, the land owns us" -
"das Land gehört nicht uns, wir gehören dem
Land", so drückte es Malcom Wolf, ein Nachfahre
Mató Tópes bei der Eröffnungszeremonie
aus. Bei allen Unterschieden zwischen dem modernen Leben in
einem amerikanischen Indianerreservat mit seinen Problemen
und der funktionierenden Gemeinschaft im neunzehnten Jahrhundert
wird der Weg zwischen Kontinuität und Rückbesinnung
deutlich. Dabei gab es mehrere Einschnitte, die die drei Stämme
jeweils an den Rand der Vernichtung brachten. Neben den Kriegen
der amerikanischen Siedler gegen ihre Urbevölkerung waren
das verschiedene eingeschleppte Seuchen und bis 1954 das Aufstauen
des Missouri.
Die Ausstellung lässt Vergangenes nicht neben der Gegenwart
stehen, sondern schlägt eine Brücke, die zudem keine
abstrakte Konstruktion ist. Für die heutigen Mitglieder
der drei Stämme ist die Aufarbeitung in der europäischen
Wissenschaftstradition ein Impuls, ihre Kultur neu zu entdecken.
Hier zu Lande lässt sich das von der Karl-May-Literatur
geprägte Indianerbild korrigieren. Eine gute Art, Kulturen
zu verbinden.