Text Christine Wawra

"Eine Momentaufnahme, in der alles verdichtet sein muß..."

Theaterfotografie am Landestheater Tübingen.

Interview von Dramaturg Martin Wigger, Landestheater Tübingen, mit Christine Wawra
Rottenburger Stadtgespräch April 1998

Du bist dafür bekannt, dass Du schon recht früh die Proben einer Inszenierung besuchst, für die du Fotos machst. Schulst Du dabei Deinen theaterfotografischen Blick?

Ja, durchaus; für mich kommt es bei der Theaterfotografie darauf an, den Energiefluss eines Stückes beziehungsweise einer Inszenierung aufzuspüren. Das ist eine Kombination aus intuitivem Agieren einerseits - das heißt ich muss im rechten Augenblick am rechten Ort sein, möglichst dort, wo sich die Handlung gleich hinbewegt - und dem Mitdenken andererseits - das heißt die Kenntnis eines Stückes ist von Vorteil, dann weiß ich, wie die Szenen sich entwickeln. Darum ist es für mich wichtig, in die Proben zu gehen. Diese frühen Fotos haben eine ganz eigene Qualität, da sie das Stück in seiner Entstehung zeigen.

Ergeben sich für Dich in den frühen Proben schon feste Eindrücke oder Bilder, die auch noch später so von Deiner Kamera festgehalten werden?

Das ist eine wichtige Frage; gerade jetzt bei der Produktion "Hans im Glück" habe ich eine interessante Erfahrung gemacht. Es gab auf der Probebühne bestimmte Situationen, die fast immer das gleiche und ein sehr schönes Bild abgegeben haben. Als die Produktion dann auf die Werkstatt-Bühne umgezogen war und Licht und eine völlig neue Raumsituation hinzukamen, war auf einmal alles anders. Ich musste ganz neu auf die veränderte Raum- und Bühnensituation reagieren; man kann nicht mit einem vorgefertigten Bild in eine Inszenierung kommen und von vornherein wissen, welche Fotos man machen möchte und welche nicht… das ist mir klar geworden: ich muss ganz flexibel bleiben und immer wieder neu ansetzen, teilweise so, als würde ich das Stück noch nicht kennen. Wie bereits gesagt: am besten ist die Mischung aus dem, was ich über den Szenenablauf weiß, und dem, wie ich neu und spontan darauf zugehe.

Als Theaterfotografin musst Du ja auch ein Stück weit die Öffentlichkeit bedienen, das heisst es geht nicht nur darum, mit Deinen Fotos ein eigenständiges Kunstwerk zu schaffen, sondern Deine Arbeiten müssen vor allem für eine ganz bestimmte Inszenierung werben. Hast Du das auch mit im Kopf, dass Du mit Deinen Fotos Werbearbeit betreibst?

Ja, auf jeden Fall, und ich denke, diese beiden Tatsachen widersprechen sich nicht, dass ein Foto ein eigenständiges Werk ist und gleichzeitig Werbung macht für ein Stück. Ein ideales Theaterfoto muss sogar beides zum Ausdruck bringen. Auf jeden Fall aber muss ein Theaterfoto mehr sein als bloße Dokumentation: es soll Atmosphäre vermitteln, eine bestimmte Stimmung und darf nicht statisch sein…

Warum hast Du Dich mit Deiner Fotografie auf das Theater spezialisiert? Was interessiert Dich persönlich an der Theaterarbeit?

Dazu fällt mir spontan ein Stichwort ein: "Verdichtung" - das ist genau das, was im Theater passiert und mich auch besonders interessiert. Es geht auf der Bühne um Menschen und ihre Gefühle, um Handlungsmuster, Handlungsmotivationen - um eben diesen Komplex von Leben, der in "verdichteter" Form auf der Bühne stattfindet. Das aufzunehmen, buchstäblich mit der Kamera, und rüberzubringen ist mein Anliegen. Allerdings ein sehr schwieriges Anliegen, wie ich finde, da ein Foto eine ganz andere Qualität hat als ein Theaterstück, vor allem in Bezug auf die Zeit. Ein Foto hat ja keine Zeit, jedenfalls nicht in dem Sinne wie ein Theaterstück oder ein Film, die sich innerhalb einer bestimmten Zeit entwickeln, sondern es ist ein Bild, eine Momentaufnahme, in der alles verdichtet sein muss…
© Christine Wawra 2004-2011     Aktualisiert am 27.10.2011